2006: Interview mit B. Pütter

aus „Welt & Arbeit“ 1/2006

Die Menschenrechte sind nicht diskutierbar

Welt & Arbeit: Familien in Entwicklungsländern sind oft auf ein zusätzliches Gehalt ihrer Kinder angewiesen. Wird Armut verschlimmert, wenn Firmen keine Kinder mehr einstellen?

Benjamin Pütter: Wir kämpfen gegen die schlimmsten Formen der Ausbeutung, zum Beispiel in Südasien, von Kindern unter 14 Jahren, die nicht in die Schule dürfen. Diese Kinder werden oft von ihren Elternhäusern verschleppt, sie sind unterernährt, manche werden zur Arbeit festgekettet. Es geht nicht um Kinder, die am Nachmittag Zeitungen austragen, sondern um die Verletzung elementarer Menschenrechte. Menschenrechte sind nicht diskutierbar und Ausbeutung ist durch nichts zu rechtfertigen. Es stimmt auch nicht, dass die Kinder, von denen wir sprechen, dazuverdienen, sondern sie arbeiten meistens Schulden der Eltern ab. In der Teppichindustrie gibt es teilweise 20 Prozent Zinsen pro Tag, das heißt alle vier Tage verdoppeln sich die Schulden! Es ist unmöglich, das zurückzubezahlen. Die Kinder haben also nichts davon und tragen auch nichts zum Familieneinkommen bei.

Welt & Arbeit: Kinderarbeit wird in manchen Ländern als normal an- gesehen. Macht es dort überhaupt Sinn, gegen ausbeuterische Kinderarbeit vorzugehen?

Benjamin Pütter: In den USA war Sklaverei auch einmal völlig normal. Die Sklavenhändler haben damit argumentiert, den Sklaven gehe es bei ihnen besser als in Freiheit. Aber die Sklaven wollten frei sein, selbst wenn es ihnen dann schlechter ging. Genauso ist es mit den Kindern: sie wollen raus aus der Ausbeutung! Kinderarbeit wurde bei uns abgeschafft, warum sollten wir das nicht auch Kindern in anderen Ländern gönnen? Außerdem hat Kinderarbeit sogar noch zugenommen. In der Teppichindustrie gab es früher keine Kinderarbeit, das ist erst mit der Öffnung der Märkte in den achtziger Jahren entstanden. Fiktive Schulden, Verschleppungen und Menschenrechtsverletzungen im Namen der Exportindustrie ist keine Tradition dieser Länder. Früher gab es Kinderarbeit nur in Familien, vor allem in der Landwirtschaft.

Welt & Arbeit: Auch in den heutigen Industrieländern wurden früher Kinder beschäftigt. Wird Kinderarbeit in Entwicklungsländern nicht irgendwann von ganz alleine verschwinden?

Benjamin Pütter: Erstens: Kinderarbeit ist auch bei uns nicht von alleine verschwunden. Es gab Gruppen, die dagegen angekämpft haben. Zweitens: Die Welt hat sich weiterentwickelt. Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es die universal geltenden Menschenrechte. Dahinter darf man jetzt nicht zurückfallen. Es soll diesen Ländern nicht so gehen wie uns im 18. Jahrhundert, das wäre ja absurd.

Welt & Arbeit: Liegt es überhaupt in unserer Verantwortung, etwas gegen die Ausbeutung von Kindern in Entwicklungsländern zu unternehmen? Ist das nicht Sache der jeweiligen Regierungen?

Benjamin Pütter: Ja und nein. Kinderarbeit liegt nicht in der Verantwortung der deutschen Regierung, das stimmt. Aber: In der heutigen Welt sind wir näher zusammengerückt, es geht um Produkte, die auch wir kaufen. Der Verbraucher hat die Wahlmöglichkeit zwischen möglichst billig und sozial verträglich. Deshalb sollte der Kampf gegen ausbeuterische Kin- derarbeit über den Verbraucher gehen. Um dies zu erreichen sollten sich Städte bereit erklären, ein Zeichen zu setzen und keine Produkte mehr aus ausbeuterische Kinderarbeit kaufen. Sie können den Menschen damit bewusst machen, dass es so etwas gibt. Keiner kann sich vorstellen, dass für Grabsteine Kinder ausgebeutet werden, aber es ist so! Der Staat kann zur Bewusstwerdung beitragen und dafür ist er auch zuständig.

Welt & Arbeit: Die ILO-Konvention Nr. 182 verbietet ausbeuterische Kinderarbeit. Fast alle Länder haben die Konvention unterzeichnet. Genügt das nicht?

Benjamin Pütter: Gesetze funktionieren nicht überall so wie bei uns. Wenn es in Deutschland ein Gesetz gibt, dann wird es auch in die Realität umgesetzt. In Indien dagegen gibt es die besten Gesetze, sie werden aber nicht eingehalten. Wenn jemand sagt: „Aber Kinderarbeit ist doch verboten“ dann war er entweder noch nie in Indien oder er lügt.

Welt & Arbeit: Vielen Dank für das Interview, Herr Pütter.

Die Fragen stellte Stephanie Wolf.

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